Transsexueller Weg – Mein Outing als Transgender

Sich als Transgender zu outen, als das was man ist, erfordert viel Mut. Es begleiten einen Ängste und Unsicherheiten, nicht zuletzt aufgrund der Frage, wie die Umwelt oder auch nur die nächsten Angehörigen reagieren. Als ich mich letztes Jahr zum zweiten Mal in meinem Leben als Transgender geoutet hatte, verfolgte ich tatsächlich eine Strategie. Ich gab endlich Vollgas, erzählte es jedem verbal oder einfach nur durch mein Erscheinungsbild. Und ich hatte damit Erfolg.

Meine Stationen des Coming-Outs

Nur vorab zu Erklärung. Es ist tatsächlich so, dass ich mich immer als Mädchen und später als Frau gesehen habe. Ich habe mich allerdings in meinem Leben immer wieder in die Rolle als Mann hineingepresst, sei es aus Angst vor Verlust von Familie und Freunden, vor Ausgrenzung oder Diskriminierung. Aber auch die Tatsache, dass ich mich meist zu Frauen hingezogen fühlte, begünstigte es, die Rolle als Mann zu leben.

Die Quittung bekam ich in Form von Depressionen, einem Selbstmordversuch mit einem netten Aufenthalt in der Geschlossenen, jahrelangen Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, auch vor mir selber. Dieses Gefühl, zwischen Mann und Frau hin- und hergerissen zu sein kann man nicht vergleichen mit beispielsweise einem kleinem Hunger oder Appetit. Es ist essentiell, grundlegend und kann jemanden von Grund auf fertig machen, vor allem, wenn diese Gefühle unterdrückt werden!

Oder wenn man denkt, mit niemandem reden zu können. Ich war gerade zwanzig Jahre alt glaub ich. Bis dahin hatte ich mit niemandem über meine Situation geredet. Mein Makeup, meine Perücke, meine Klamotten hatte ich allesamt versteckt. Es war schwierig, um die Jahrtausendwende brauchbare Informationen zum Thema Transgender zu bekommen. Mein Auftritt nach außen hin war mittlerweile, nennen wir es mal, dezent schwul, aber nicht „tuntig“ 🙂 es war durchaus noch so, dass zum Beispiel in einigen Fernsehsendungen Witze auf Kosten transsexueller Menschen gemacht wurden. In meinem Bekanntenkreis wurden Transsexuelle mit Transvestiten oder Homosexuellen gleichgesetzt. Es hatte etwas schmutziges, anrüchiges an sich, worüber man auch gerne Witze machte. Natürlich heißt das nicht, dass die Mehrheit der Menschen darüber lacht oder so denkt. Aber eine Betroffene, die zutiefst verunsichert ist, wird ja nicht sicherer dadurch. Dass es völlig normal und okay ist, trans zu sein, konnte ich nunmehr kaum glauben.

Mein erstes Coming-Out – der Polizist, der mir das Leben rettete

Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten, Verstecken zu spielen. Ich hatte zwar viele nette Menschen um mich herum, aber es war niemand dabei, dem ich mich in der Situation hätte anvertrauen können oder wollen. Ich möchte an dieser Stelle davon absehen, etwas über meinen Selbstmordversuch zu schreiben, auch um niemanden zu triggern. Aber der Polizist, die arme Seele, der da mitten in der Nacht Dienst hatte und meinen Fall aufnahm, war tatsächlich der erste Mensch, dem ich mich anvertrauen konnte. Eine völlig Fremde Person, während ich seelisch komplett fertig sprichwörtlich die Hosen runterließ, las meinen Abschiedsbrief. Er erzählte mir, dass er selbst ein Kind hat und meine Eltern, an die der Brief adressiert war bestimmt viel trauriger wären, wenn ich tot, als über die Tatsache, das ich in Wahrheit eine Frau bin.

Erst vor wenigen Wochen habe ich erfahren, dass dieser Polizist, der mitten in der Nacht meine Eltern anrief und ihnen den Sachverhalt erklärte, meine Stiefmutter aus dem Kindergarten kannte. Die Welt ist klein 🙂

Mein Vater und meine Stiefmutter waren ja dann relativ schnell und unsanft ins Bild gerückt worden. Ich will mir gar nicht ausmalen, was in der Nacht und auch in der folgenden Zeit alles in deren Köpfen umherschwirrte. Sie waren total fürsorglich, gingen mit mir in Frauenklamotten raus, brachten mich zu meiner ersten Selbsthilfegruppe und sprachen mich mit meinem Wunschnamen an (der damals noch anders lautete 🙂 ).

Meiner damaligen besten Freundin outete ich mich nicht persönlich. Sie hatte mich in der Zeit, als ich in der Klinik war angeschrieben. Klar, dass sie sich Sorgen machte und so antwortete ich ihr auf die SMS, dass ich Transgender bin. Sie war total geschockt, nicht weil ich trans bin sondern mich umbringen wollte. Mein bester Freund, der damals mit ihr zusammen war, kam damit allerdings nicht klar. Was er mir auch sagte. Unser wirklich superfreundschaftliches Verhältnis war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr existent. Heute würde ich sagen, Pech gehabt, bleib in deiner eigenen kleinen Welt, aber ohne mich. Damals hat mich das mehr mitgenommen.

Richtig krass fand ich aber die Reaktion meiner leiblichen Mutter. Ich fuhr zu ihr und outete mich das erste Mal als Transgender vor einem Menschen ohne Brief, ohne SMS sondern in einem persönlichen Gespräch. Noch dazu war sie nicht irgendein Mensch, sondern meine Mutter. Meine Erwartungen an dem Gespräch waren daher groß und ich war im Vorfeld schon stolz auf mich, dass ich das packen werde. Aber die Rechnung habe ich ohne meine Mutter gemacht. Sie flippte völlig aus, schrie mich an. Dass ich mir das alles nur einbilden würde, dass man mir das einreden würde. Weitere Einzelheiten lasse ich an dieser Stelle aus, aber das Resultat war, dass ich mich gezwungen sah, den Kontakt zu ihr abzubrechen. Bis heute.

Dann folgte die Zeit der Extreme

Es folgten Jahre, in denen ich mich mehr oder weniger in der Rolle als Mann versuchte. Ich heiratete, bekam Kinder, machte einen auf starken Mann. Im wahrsten Sinne, ich pumpte Gewichte und legte teils deutlich an Muskelmasse zu. Während ich zu Zeiten, in denen ich in Beziehung war, mein Transleben wieder verheimlichte, lebte ich es zu Zeiten, als ich Single war immer aus. Ich wurde in der Straßenbahn von ein paar Südländern als Hexe bezeichnet. Ich erinnere mich heute noch an die mitleidigen Blicke der mitfahrenden Gäste.

Meiner heute immer noch besten Freundin outete ich mich 2014. Ich glaube in diesem Fall auch wieder schriftlich. Ich zeigte ihr meine ganzen Klamotten, sie war total cool, also echt gelassen. Sie hat mir Hilfe angeboten, wollte mich aber nicht unter Druck setzen. Vollständig als Frau zu leben war noch nicht drin, ich wusste nicht, wie ich das meiner damals noch recht jungen Tochter hätte begreiflich machen sollen.

Es war eine Zeit des Auslebens und des maximalen Unterdrückens. Dass das nicht gutgehen konnte, ist mir heute klar. Ich bekam Depressionen, war teils wochen- oder monatelang nicht arbeitsfähig. Ich schob es auf einen Burnout, auf meine Partnerinnen, die ja so böse zu mir waren 😉 auf meine Mutter. Aber das Grundlegende, die Wahrheit, nämlich dass die Natur mit meinen Genen einen Streich gespielt hatte und ich endlich damit umgehen musste, die Gewissheit kam erst am 11.09.18.

Meine Strategie – Ab heute ändere ich mein Leben

Als ich mich am 11.09.2018 meiner Ex-Freundin offenbarte, waren mir zwei Dinge im Vorfeld schon klar. Die Beziehung, die kurz vorher aus anderen Gründen in die Brüche ging, war so erst recht nicht mehr zu retten. Zweitens war mir klar, dass sich ab diesem Tag mein ganzes Leben ändern sollte. Es gibt hier übrigens keinen Grund, böses Blut zu vergießen. Sie war geschockt im ersten Moment, als ich es ihr in einem persönlichen Gespräch erzählte. Und sie war auch enttäuscht, dass ich ihr es über die Dauer der Beziehung verheimlicht habe. Von ihrem Standpunkt aus gesehen, habe ich dafür absolutes Verständnis. So wie viele andere Transgender auch hatte ich ja nicht das Bedürfnis, es ihr zu verheimlichen. Oder sie zu verletzen. Es war vielmehr die Angst, sie als Mensch zu verlieren. Und als meine zweite Tochter zur Welt kam, wurde es ungleich schwerer. Dennoch entpuppte sie sich in den folgenden Monaten als wichtige Stütze in diesem Punkt und sie legte großen Wert darauf, dass die Kleine damit gut umgehen sollte. Wir konnten also trotz unserer Differenzen, die wir ja hatten, in diesem Thema gut zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen.

Auch meine Exfrau nahm es locker auf, ihr habe ich es kurz und knapp per Whatsapp mitgeteilt. Auch sie hatte etwas Sorge um unsere große Tochter, aber sie meinte, ich muss tun, was richtig für mich ist. Wir sind auch wirklich lange genug geschieden, sodass hier denke ich keine nennenswerten Gefühle mehr vorhanden sind, die hätten verletzt werden können 😉 ohne gemeinsames Kind hätte ich ihr davon wohl gar nichts erzählt.

Über meine Kinder habe ich ja schon hier geschrieben. Auch sie sind total klasse und ihre Reaktion auf mich und mein Leben als Frau und geben mir großen Halt.

Meine restlichen Freunde und Bekannte haben davon teils von mir selbst und teils durch Mundpropaganda erfahren und stehen hinter mir in meiner Entscheidung, nicht mehr in der Rolle als Mann leben zu wollen. Leute, die ich neue kennenlerne, akzeptieren es entweder, oder sie haben halt Pech gehabt. Und bisher musste niemand Pech haben 😉

Ich habe keine Angst mehr vor meinem wahren Ich, schon gar nicht mehr vor der Reaktion der Menschen.

Ich habe mich mit meinem Instagramaccount und meinem Blog der ganzen Welt offenbart. Meine Art, mit mir selbst als Transgender umzugehen, hat sich komplett umgekehrt zu dem, wie ich vorher damit umgegangen bin. Meine Strategie ist, so maximal offen damit umzugehen, wie es halt geht. Es ist nichts, wofür ich mich schämen muss und ich muss es vor niemandem verheimlichen. Und deswegen schreie ich nun gern heraus, dass ich eine Frau bin. Und derjenige, der es wissen möchte, dem zeige ich gerne meinen Weg. Zudem habe ich auch den Hintergedanken, dass die Gesellschaft offener mit dem Thema Transgender umgehen kann, wenn man selbst offen damit umgeht.

So 🙂 das war mein Wort zum Sonntag. Ich wünsch euch eine schöne Zeit, bis dahin.

 

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