Transgender und die Sache mit den Pronomen

Die Sache mit der Anrede für mich als Transgender ist ein schwieriges Thema. Einerseits für mich, da ich immer wieder damit zu kämpfen habe, dass ich von Freunden, Bekannten oder völlig Fremden als Mann oder Er angesprochen werde. Andererseits ist es offenbar aber immer noch nicht so einfach für die anderen, die es nicht schaffen, sich auf die geänderte Situation einzustellen. Dabei ist Anrede und Wahl der Pronomen einerseits für mich als Betroffene besonders wichtig, da ich mich auch über die korrekte Anrede in der Gesellschaft definiert sehe.

Meine Verwandten haben sich schnell darauf eingestellt

Mein großer Bruder hat mich einfach gefragt, wie er mich anreden soll. Damit war das Thema erledigt. Auch meine Eltern machen das spitze, ich werde mit Micha oder Ela angeredet. Da fällt mir übrigens eine nette Geschichte aus dem Juli ein. Meine Eltern waren zu Besuch und wir wollten Essen gehen. Da ich so bin, wie ich nunmal bin, kam ich wie immer zu spät (das Makeup soll ja sitzen 🙂 ) und mein Vater hatte der Kellnerin gesagt, dass sie mit dem Bestellen noch warten wollen, bis ihre Tochter da ist. Und auch, als ich dann da war, ging es so weiter. Meine Tochter möchte bitte was bestellen, ich teile mir mit meiner Tochter den Kaiserschmarrn, etc pp. Ich muss sagen, dass meine Eltern sich echt mühe geben und es sich wie selbstverständlich anfühlt. Auch Versprecher höre ich keine und das gibt echt Selbstvertrauen 🙂

Darüber hinaus wohnt meine komplette Familie in Leverkusen. Der Kölner Raum ist eh total offen und tolerant, noch viel mehr als hier – obwohl ich mich über Heidelberg nicht beschweren kann, ist auch der subtile Umgang mit Transgendern ganz anders. Um es mal oberflächlich zu sagen: Du wirst anders angeschaut. Selbst für meinen Onkel, den ich seit Jahren nicht gesehen und zufällig auf Instagram gefunden habe, bin ich seine Nichte.

Wie reden meine Freunde mich an

Es gibt einige wenige Freunde, die konsequent den weiblichen Pronomen verwenden. Der Rest tut sich nicht wirklich schwer, aber Michael und männlicher Pronom kommt ab und zu nochmal, selbst bei meiner besten Freundin. Ich korrigiere dann und dann klappt es meist besser. Mir ist aufgefallen, dass es meist zuerst passiert, wenn über die Vergangenheit geredet wird und dann wird es im Gespräch immer öfter. Alles in allem merke ich schon, dass sich meine Freunde echt Mühe geben und ich lege viel Verständnis an den Tag. Ich denke, das ist ein guter Mittelweg, mit dem ich und sie klarkommen.

Meine Bekannten – naja 😉

Es ist schwer, mich mit dem Thema aus der Fassung zu bringen. Die Wahl des Pronomen ist nicht leicht, vor allem in der Berücksichtigung, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Je weiter die Menschen, die ich kenne, weg von mir sind, also Bekannte eben, desto heikler ist es. Hier überwiegt tatsächlich die Wahl des männlichen Pronomen in Kombination mit dem Namen Micha. Seit knapp einem Jahr höre ich, dass sie sich ja erst daran gewöhnen müssen und sie sich ja Mühe geben – nö, tun sie nicht wirklich. Es hat auch was damit zu tun, wieviel Interesse man an einem Menschen und seiner Situation hat. Salopp gesagt: Wenn es einem egal ist oder wenig interessiert, dass jemand aufgrund seiner Geschlechtsdysphorie leidet, ändert sich sein Verhalten auch nicht. Ich meide diese Menschen nicht, aber wenn es mir zu blöd wird, gehe ich einfach. Ich lasse mich wie gesagt nicht aus der Fassung bringen, ich kann die Menschen eh nicht ändern, sondern nur meine Art, mit ihnen umzugehen.

Völlig Fremde sind eine Wundertüte – positiv gesehen

Letztens hat sich eine Kassiererin gewundert, dass sie die Kasse aufmachen sollte, denn ich sei ja die Einzige dort. Auch die meisten anderen mir fremden Menschen reden mich mit Frau an und nehmen weibliche Pronomen. Wenn ich zu einem neuen Arzt gehe, werde ich mit Frau aufgerufen und in meiner jetzigen Bewerbungsphase gab es auch überhaupt keine Schwierigkeiten. Und ich hatte eine junge Sprachstudentin aus Peru kennengelernt. Wir haben uns einmal auf einem Geburtstag gesehen und auch sie hat mich als Frau und mit sie angeredet. Ich denke, es ist eine Kombination aus gutem Passing und Toleranz meiner Mitmenschen, welches das ganze so günstig für mich gestaltet.

Aprospos Passing. Mir ist klar, dass man bei Menschen durch eine Art unterbewusstes Raster läuft und insgesamt wird man dann eher männlich oder eher weiblich wahrgenommen. Und ich denke, dass ich das ganz gut hinbekomme. Weibliche Kleidung, lange Haare, dezentes Makeup, eine höhere Stimme und ein weibliches Verhalten machen meines Empfindens nach ein rundes Bild.

 

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